Fortsetzung der Bildungsreihe - 17. Februar 2011

Fördern ja, aber ohne Zwang

Wasserburg: Für einen unverkrampften Umgang mit dem Thema „Frühes Lernen – Überfördern wir unsere Kinder?“ plädierten Dr. Christine Mayerhofer und Marlene Hof-Hippke auf ihrem Bildungsvortrag im Februar 2011 im Hotel Fletzinger.

Im Bild: Marlene Hof-Hippke und Dr. Christine Mayerhofer

Auch in der jüngsten PISA-Studie 2009 belegt Deutschland nicht gerade einen Spitzenplatz. China, Finnland und diverse Tigerstaaten sind uns in den untersuchten Kategorien Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen weit voraus. Deutsche Schüler und Schülerinnen kamen im internationalen Vergleich „nur“ auf die Ränge 13, 16 und 20. Hierzulande herrscht deshalb große Bildungsangst; Nachhilfe- und Förderinstitute erleben einen nie gekannten Boom - denn Kinder sollen bekanntermaßen ja früh lernen. Doch die Fülle zusätzlicher Förderangebote bringt auch so manches Kind in Not und in den Zustand einer dauerhaften Überforderung. Was Kinder wirklich brauchen und wie sie wirklich lernen erläuterten Dr. Christine Mayerhofer und Marlene Hof-Hippke aus wissenschaftlicher Sicht. Die Referentinnen zeigten in ihrem Vortrag zur Bildungsreihe des Ortsvereins der Wasserburger SPD außerdem, welche Bildungsangebote sinnvoll sind.

Anhand vieler amüsanter und greifbarer Praxisbeispiele legte Christine Mayerhofer dar, wie sich das kindliche Gehirn entwickelt und welche Lernangebote es braucht. Dabei sei der Lernprozess viel wichtiger als der eigentliche Stoff. Vor allem die Erfahrungen in der natürlichen Welt seien entscheidend. Dem virtuellen Lernen für kleinere Kindern erteilte die promovierte Ärztin und Diplom-Osteopathin hingegen eine klare Absage: „Töne werden verzerrt wahrgenommen und Fernsehen entkoppelt eher Reize, anstatt sie mit einander zu verbinden. So können Kinder nichts behalten.“ Eltern sollten vielmehr nur genau beobachten. Denn wenn ein Kind noch in der Phase „des Stapelns“ ist, mache es keinen Sinn, andere Leistungen wie „Bauen und Zusammenstecken“ mit dem Kind umsetzen zu wollen. Kinder müssten schon ganz früh ihre Erfahrungen selbst machen. Und dazu gehöre nun einmal, Sand oder andere Dinge in den Mund zu stecken um zu fühlen und zu schmecken. Wenn Kinder aber überfordert werden, bleibe nur Frustration zurück. Eindeutiges Fazit der Ärztin aus ihrer Praxis war: Zu viele oder falsche Angebote schaden nur. Ein Kind kann nur das aufnehmen, was sein Entwicklungsstand auch zulässt. Besonders die falschen Erwartungen der Eltern seien Gift für die kindliche Neugier und das Selbstwertgefühl. Die Aufgabe der Eltern fasste Christine Mayerhofer mit der Handlungsmaxime der Reformpädagogin Maria Montessori zusammen: „Hilf mir es selbst zu tun.“

Marlene Hof-Hippke erläuterte anschließend den positiven Nutzen des frühen Lernens einer Fremdsprache, wenn es ohne Leistungsdruck von muttersprachlichen Erzieherinnen und Pädagogen durchgeführt wird. Die Leiterin der Volkshochschule Wasserburg zeigte anhand diverser Praxiserfahrungen, wie frühes Sprachenlernen das Lernverhalten insgesamt positiv beeinflusst.

Wolfgang Janeczka